Druckfehler gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Schreibfehler. Denn den Setzer, der die Buchstaben setzt, gibt es auch nicht mehr. Wir lesen also den Text, den der Autor abgeliefert hat.
Dieser gibt sich natürlich Mühe, seine Schreibfehler zu finden, aber er hat ein Problem: Er kennt die Formulierungen fast auswendig. Warum das ein Problem sein kann, zeigt der folgende Text:

Können, Sie das lesen?

Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn
Uvinisterät ist es nchtit witihcg, in wlecehr
Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot
snid, das ezniige, was wcthiig ist, ist dsas der
estre und der leztte Bstabchue an der
ritihcegn Pstoiion sehten. Der Rset knan
ttoaelr Bsinöldn sien, todzterm knan man ihn
onhe Pemoblre lseen. Das legit daarn, dsas
wir nihct jeedn Bstachuebn enzelin leesn,
snderon das Wrot als Gnaezs.

D1353 M1TT31LUNG Z31GT D1R, ZU W3LCH3N GRO554RT1G3N L315TUNG3N UN53R G3H1RN
F43H1G 15T! 
Gesehen im Optikpark Rathenow

Der Autor braucht einen Lektor. Weil der Text aber noch weiter ausreift, müssen in der Schlussphase alle Korrekturen zusammengeführt werden. Dann folgen mehrere allerletzte Durchsichten. Dabei wird mit der Suchfunktion nach formalen Fehlern gesucht, zum Beispiel nach durch Zeilenwechsel getrennten Wörtern, die aber in die Zeilenmitte gerutscht sind und nun durch einen überflüssigen Bindestrich auffallen (z.B. die “Modulations-spannung“ auf Seite 173). Sämtliche technischen Bezeichnungen müssen in gleicher Weise verwendet werden, usw...

Durch die vielen “letzten Durchsichten“ schwinden, wie der oben gezeigte Text zeigt, die Chancen noch gut versteckte Schreibfehler zu finden, die sich in den letzten Phasen durch Flüchtigkeitsfehler bei der Durchführung von Korrekturen erneut einschleichen konnten. Da werden zum Beispiel zwei Buchstaben gelöscht, weil der Kursor auf Wanderschaft ging.

Das zeigt sich wie folgt auf Seite 160: In manchen Fällen hat man wenig Chancen, eine entsprechende Arage abzulehnen“.

Das liest sich ganz gut, man kann ja schließlich nicht alle Fremdwörter kennen, aber hier war die Anfrage gemeint.

Diese, später durch Pannen bei der Durchführung von Korrekturen entstanden neuen Fehler springen den Verfasser erst nach einigen Wochen an, wenn der Text sich im Gehirn etwas gesetzt hat. Aber dann ist das Werk schon beim geneigten Leser, dem aber ohne die Arage die Leseproben aus Rathenow entgangen wären.